30.04.2016
Event

24-Stunden-Lauf am Seilersee


Die Veranstaltung: Eine Woche nach dem Hamburg-Marathon stand der 24-Stunden-Lauf am Seilersee an. Hier hatte ich 2008 meinen ersten 24-Stunden-Lauf absolviert. Deshalb ist dieser Lauf für mich etwas Besonderes geblieben. Seit meiner letzten Teilnahme vor sieben Jahren ist die Veranstaltung stetig gewachsen, die Strecke verlängert worden und die Teilnehmerzahl deutlich angestiegen. Gleich geblieben ist jedoch die Herzlichkeit der Veranstalter und die perfekte Rundumversorgung für die Sportler. Start ist um 12 Uhr, Cutt off um 12 Uhr des nächsten Tages.

Die Strecke: Die Runden um den Seilersee sind für mich ideal zu laufen. Eine Runde misst nur 1788 Meter und ich kann mir so die Bodenbeschaffenheit und den Streckenverlauf gut einprägen: Schotter, Asphalt, zwei Steigungen und dann durch das Stadion, wo sich die Verpflegungsstationen und die Wettkampfmoderation befindet. Der Moderator Dr. Stefan Weigelt gibt bei jeder Runde die Namen der Teilnehmer und die gelaufene Distanz durch. Hier sind auch die meisten Zuschauer und es herrscht eine tolle Atmosphäre. Das Stadion ist für mich ein hilfreicher akustischer Orientierungspunkt. 

Die drei Guides: Wir hatten noch keine bzw. kaum Erfahrung miteinander, denn Dietmar Klemm und Florentina Sauerbach liefen das erste Mal mit mir, und Uwe Brenners Debüt lag gerade mal eine Woche zurück. Auch einen 24-Stunden-Lauf hatte noch keiner meiner Guides hinter sich gebracht. Alle meine Guides überragten mich deutlich an Körpergröße, was eine gewisse Anforderungen an die Anpassung der unterschiedlichen Schrittlängen stellte. Abgesehen vom Laufstil unterscheiden sich meine Guides für mich hauptsächlich durch ihre Stimmen und Gesprächsthemen. Ein Guide-Wechsel bedeutet daher auch immer ein Eintauchen in eine völlig andere Themenwelt. Mit allen dreien lief es sich angenehm und ich fühlte mich schnell sicher. 

Der Lauf: Mein erster Laufpartner war Uwe. Wir starteten bei Sonnenschein, doch schon bald begann es zu regnen und wir mussten Kleidung wechseln. Zum Glück hatten wir genug Wechselkleidung deponiert, denn während des gesamten Laufs war es kühl und unsere Klamotten waren klamm, es regnete immer wieder und am späten Abend graupelte es sogar. Dietmar lief als zweiter mit mir und am Abend war dann Florentina an meiner Seite. Wir trafen unterwegs viele bekannte Stimmen, aber ich lernte auch wieder tolle neue Leute kennen. Eine Läuferin ist mir besonders aufgefallen: Sie hat bei der ersten Begegnung meine Hand genommen und wortlos gedrückt und ich spürte dabei ihren fingerlosen Wollhandschuh. Uwe sagte mir, sie sei Holländerin. Diese Hand mit dem Wollhandschuh hat mich von da an bei jeder Begegnung abgeklatscht. Das war unglaublich aufbauend und motivierend. Erst bei der Siegerehrung sollte ich ihren Namen erfahren: Wilma Dierx, die schnellste 24-Stunden-Läuferin des Rennens. 
Als Uwe mich am späten Abend erneut begleitete, hatte er in der Zwischenzeit bereits eine Marathondistanz hinter sich. Er war nach unserer gemeinsamen Runde alleine weitergelaufen. Uwe schien gut drauf zu sein, aber auch etwas erschöpft. Nun begann die schwierigste Phase des Laufs. Die Konzentration ließ bei uns beiden nach. Es war dunkel, was eine erhöhte Aufmerksamkeit meines Guides erforderte. So kam es, wie es kommen musste: Ich stolperte, stürzte und fiel – wieder auf die linke Seite wie auch schon zwei Wochen zuvor beim Hamburg-Marathon. Von da an musste ich gegen Schmerz, Ärger und Frust anlaufen. Runde für Runde. Ich war aus dem Laufrhytmus raus und meine Motivation war auch dahin. Ich war sauer auf mich, weil ich erneut gestürzt war, und ich ärgerte mich über Uwe, der nicht mehr so aufmerksam war, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich versuchte, meine Motivation wieder aufzubauen. Gegen Mitternacht übernahm dann wieder Dietmar. Der Nieselregen ging in Graupelschauer über, meine linke Seite schmerzte zunehmend. Mir kamen erste Zweifel, ob ich bis zum Ende durchlaufen würde. 160 Kilometer, mein ursprüngliches Ziel, würde ich nicht mehr erreichen, und ich wollte meine anderen Saisonziele nicht durch einen Gewaltakt aufs Spiel setzen. Aber die Etappe mit Florentina, die dann ab 3:30 Uhr wieder an meiner Seite war, wollte ich noch beenden, sie hatte sich so auf den Lauf gefreut. Gegen 6 Uhr morgens liefen wir ein letztes Mal zusammen im Stadion ein und gönnten uns zum Abschluss ein üppiges Frühstück. Es wurmte mich natürlich, dass ich dieses Mal am Seilersee nicht gefinisht hatte. Trotzdem war der Seilersee auch dieses Jahr wieder eine wertvolle Erfahrung und ein unvergessliches Ereignis. Gewonnen habe ich auf jeden Fall die Erkenntnis, künftig mehr darauf zu achten, dass meine Guides gut erholt und frisch sind. Vor allem dann, wenn meine eigene Konzentration langsam nachlässt und erschwerende Faktoren wie Dunkelheit und ungünstige Wetterverhältnisse ins Spiel kommen.
 
Eine weitere Reportage dazu erscheint in der Augustausgabe 2016 des Laufmagazins RUNNING.