Von Namibia nach Roth – Ein Rückblick

Rückblick: 18. Dezember 2011, kurz nach 14 Uhr, ca. 40 km vor Swakopmund, unter der gleißenden Sonne in der namibischen Wüste ...  

Dies war der bis dato bitterste Moment für mich als aktiver Sportler. 

An diesem Ort, im Niemandsland dieser steinigen sandbedünten unbarmherziger Wüste, musste ich den Schlusspunkt unter einem misslungenen Abenteuer setzen. Das Blind Date in der Wüste war gescheitert. Für mich war es auch ein persönliches Scheitern. 

Die monatelange Vorbereitung und Planung für dieses Abenteuer hatte mir viel abverlangt und meine persönliche Erwartungshaltung war dementsprechend hoch. Mein Ergebnis beim Desert Dash aus dem Vorjahr wollte ich gerne unterbieten, sah dies auch als durchaus realistisch.  

Letztendlich kam aber alles ganz anders....  

Stephan Kappes hatte im Bike-Magazin und in dem Schweizer Magazin Fit for Life über das Blind Date in der Wüste sehr ausführlich berichtet.  

Meine Entscheidung, das Rennen in der Wüste 40 km vor dem Ziel abzubrechen war eine Vernunftsentscheidung. Wir hätten das Ziel in Swakopmund nicht mehr in der vorgegebenen Zeit erreicht, hatten noch eine Stunde bis Rennschluss und noch 40 km losen Sand, brennender Sonne und der kehle voll Wüstenstaub.... Das Ziel in Swakopmund hätten wir möglicherweise irgendwann erreichen können, jedoch wären wir sicherlich noch etliche Stunden unterwegs gewesen, denn fahren war ja für uns fast nicht möglich. Wir waren nur noch meterweise voran gekommen und ich war fast an meiner Grenze angelangt. Physisch hatte ich zwar noch Reserven, aber mental war ich sprichwörtlich ausgebrannt. So hatte ich für mich entschieden, schweren Herzens einen Schlusspunkt zu setzen.  

Drei Tage später saß ich zu Hause in Nürnberg im Fitness-Studio auf einem Spinningbike. Ich wollte mir diese Enttäuschung in der Wüste einfach „wegkurbeln“.

Jetzt war es wichtig, mental wieder auf die Beine zu kommen. 

In dieser dunklen Jahreszeit, im Winter, ist es schwer genug motiviert und aktiv zu bleiben. Die Umstände, ein geregeltes Training gestalten zu können, sind für mich im Winter größer als im Sommer, obwohl es auch im Sommer schon umständlich genug ist. 

Gemeinsame Trainingstermine mit adäquaten Trainingspartnern legen zu können, erfordert sehr viel Koordination, insbesondere aber mentale Flexibilität. 

Zu oft müssen Termine kurzfristig abgesagt werden, was für mich spontanes umdenken bedeutet. Diese Ausfälle  können  oftmals nur kompensatorisch aufgefangen werden.  Zudem machen sie mir meine Abhängigkeit bewusst.  

Na gut, jetzt saß ich also auf diesem Spinningbike und begab mich in die Tiefe meiner Seele. Manche bezeichnen es als „Wunden lecken“, genauso fühlt es sich auch an.Diese Wunden heilen schneller, wenn ich den Blick nach vorne richte, anstatt mich zu lange mit dem erlebten zu befassen.  

Das persönliche Desaster in der Wüste hatte ich nach kurzer Zeit und einigen nächtlichen Einheiten im Fitness-Studio mental einsortiert und ablegen können. Um meine Motivation „auf die richtige Frequenz“ zu bringen, suchte ich mir bereits ein paar Wochen später eine ungewöhnliche mentale Herausforderung:

Die Brave-Heart-Battle von Müngerstadt 

Dieser „Lauf“ wird als härtester Extremlauf Deutschlands bezeichnet, sollte also eine adäquate Herausforderung werden. Initiiert wurde dieses Vorhaben von dem Promi-Bodyguard Peter Althof, der mich fragte, ob ich für sein Team starten würde. 

Okay, die „Schlacht der tapferen Herzen“ erwies sich dann mehr als Schlacht der frierenden Leiber. Mein Guide Tony Gohr geleitete mich souverän über alle Hindernisse und erwies sich zudem als Muntermacher im Sumpf von Müngerstadt. Das Prädikat extrem würde ich bei dieser Veranstaltung nur für extrem schlammig und extrem schlecht organisiert vergeben, auch wenn’s der Veranstalter nicht gerne hört...  

Bereits vor der Brave-Heart-Battle hatte ich aber mein nächstes großes Ziel schon fokussiert:  

Der Challenge in Roth, der größte und beliebteste Langdistanz-Triathlon weltweit.  

Mein Team stand bereits fest: Michael Dotzauer als Schwimmer und Günther Donath als Laufguide. Beide hatten mich 2007 beim Challenge Roth begleitet. Als Tandempilot kam Matthias Reitenspiess hinzu, der, wie Michael Dotzauer, die Challenge schon mehrfach als Einzelstarter erlebt hat.  

Nach einem gezielten Plan würde ich nicht trainieren können. Dies war schon aus organisatorischen Gründen  nicht möglich. Die Radeinheiten fuhren wir meist in dem Dreieck Nürnberger Land-Oberpfalz-Altmühltal. Ausgangspunkt war immer der Bahnhof in Altdorf, Matthias, der in Altdorf wohnt, holte mich immer direkt am Bahnhof mit dem Tandem ab so dass ich vom Zug aufs Rad und danach vom Rad in den Zug steigen konnte. Ich wollte die Umstände möglichst gering halten, da ich aus Erfahrung weiß, was an Substanz dabei verloren gehen kann.  

Unsere Trainingsfahrten waren sehr Abwechslungsreich und teilweise auch richtig „kernig“. Matthias hat die nötige Erfahrung als Lizenzfahrer und Jugendtrainer, um zu wissen, welcher Trainingsmodus für uns angebracht war. Zudem erwies er sich nicht nur als hervorragender Radsportler, sondern auch als angenehmen Teamkollegen und vertrauenswürdigen Pilot.  

Als Ergänzung zu unseren Trainingseinheiten hatte sich Andre Joffroy angeboten. Andre ist Mtb-Trainer, Sportwissenschaftler und Zweiradmechaniker. Mit  Andre war ich meist in der Fränkischen Schweiz unterwegs und genoss nicht nur die Radtouren, sondern auch die vielen interessanten Gespräche, die wir führten.  

Das Lauftraining gestaltete sich am einfachsten. Günther, der seine Laufgruppe am Marienberg  dienstags und freitags führt, holte mich direkt von zu Hause ab. So hatte ich die Möglichkeit zweimal in der Woche jeweils eineinhalb bis zwei Stunden mit ihm zu laufen. Zusätzlich war ich dann oftmals am Wochenende mit Dieter Lutz und Matthias Huber unterwegs. So kam ich auf ein adäquates Trainingspensum, dass ich mit Schwimmeinheiten im Nürnberger Hallenbad Nordost abrunden konnte. 

In dieser Vorbereitungsphase wollte ich aber auch mentale Ressourcen generieren, um auf entsprechende Situationen vorbereitet zu sein. Als Ausgleich zum Training ging ich tauchen und blettern. Beides bot mir körperlichen Ausgleich und mentale Entspannung, die durchaus effektiv waren.  

Im Vorfeld zum Challenge starteten wir bei zwei Zeitfahrveranstaltungen, die für uns zufriedenstellend verliefen.  Bei diesen beiden Rennen konnten wir die Abstimmung und Koordination auf dem Tandem richtig unter Beweis stellen.  

Die Generalprobe für den Challenge war der Rothsee-Triathlon 

Hierzu musste ich jedoch meine Openwater-Phobie überwinden. Die Gelegenheit dazu bot sich bei der Sailfish-Swimnight, die ein paar Wochen vor dem Rothsee-Tria stattfand. 

Die Firma Sailfish hatte mir zwei Neoprens geschenkt, die wir bei dieser Veranstaltung dann auch erstmals richtig testen konnten. 

Die Hürde der Unsicherheit im offenen Gewässer konnte ich hierbei gut überwinden. Es gelang mir, mich in die Situation der Unsicherheit zu begeben und auf mein inneres Potential zu vertrauen. Die dennoch aufkommende Panik konnte ich gut überwinden und war bereit für den Rothsee-Triathlon. 

Um nicht gleich nach dem Start in einer der Startgruppen verloren zu gehen, sind wir zwischen den beiden ersten Startgruppen gestartet. Wir hatten dadurch zwar eine Minute Verlust, aber dafür viel Freiraum auf den ersten 500 Metern. Erst danach kamen die Damen aus der ersten Damenstartgruppe näher. Jetzt war es wichtig die innere Bahn frei zu machen, damit wir die schnelleren nicht behindern und unser eigenes vorankommen nicht  behindert wird.  Das schwimmen nach Gehör, also mit akustischer Peilung, ist nicht ganz einfach. Das ausweichen der aufschwimmenden Athleten brachte mich immer wieder auf einem Zickzackkurs. Es gelang mir nicht immer gleich wieder richtig in die Spur zu kommen und ich musste mich jedes Mal neu orientieren. Bei einem dieser Manöver schwamm  mir ein Athlet zu nahe von hinten, seitlich auf. Ich traf ihn dabei mit dem linken Fuß und brach mir dabei die Ringzehe. 

Was nun? Mitten im See konnte ich nicht aufhören, bis zum Ufer waren’s noch ca. 700 Meter. Nein, ich wollte kein Déjà-vu, ich wollte diese Generalprobe im Rothsee finishen. 2007 war ich hier gestartet, musste aber wegen der Openwater-Phobie letztendlich abbrechen. Natürlich würde keine gute Zeit erzielt werden, aber das war jetzt nicht wichtig. 

Also verfluchte ich den Teufel dreimal und schwamm weiter. Die unerwünschte auftretende Unsicherheit konnte ich nach kurzer Zeit wieder verdrängen. Jetzt war Kopfkino total angesagt. Die dabei projizierten Bilder motivierten und stimmten mich wieder zuversichtlich. 

Die Phasen der Vorbereitung, die Trainingseinheiten und all die schönen Erlebnisse, die wir dabei teilten, gingen mir durch den Kopf. Letztendlich war dies ein Teamerlebnis und ich wollte meinen Beitrag dazu einbringen, damit es ein positives Gesamterlebnis für uns als Team wird.  

Die Geräuschkulisse am Ufer wurde wieder hörbar, kündigte uns die letzten hundert Meter an. Ein paar Minuten später stiegen wir aus dem See und waren glücklich, die erste Disziplin geschafft zu haben. Auf dem Weg in die Wechselzone musste ich aufpassen, den linken Fuß nicht ganz zu belasten, doch der Schmerz war wieder deutlich zu spüren. Matthias wartete bereits im Wechselzelt auf uns. Raus aus dem Neopren, kurz abgetrocknet und rein in die Radschuhe, aber alles möglichst ohne in Hektik zu geraten. Ein paar Minuten später waren wir auch schon auf dem Tandem und auf der 45 km langen Runde. Die anspruchsvolle Strecke und der Gegenwind, der uns auf knapp 30 km entgegen blies, forderten uns richtig heraus. 

Mit der Strecke und dem Gegenwind hatten viele Teilnehmer zu kämpfen, wie uns hinterher erzählt wurde. Für diese 45 km benötigten wir 1:15 h. Als wir dann in den Radpark einliefen, um das Tandem ab zu stellen, gerieten wir ins straucheln und stolperten, so dass wir beide über das Tandem flogen. Zum Glück aber behinderten wir dabei keine anderen Teilnehmer. Jetzt waren wir beide lädiert. Matthias erlitt bei diesem Sturz eine starke Prellung am linken Knöchel, die doch recht schmerzhaft war. Na gut, jetzt konnte nichts mehr schiefgehen, denn ich musste nur noch die 2 x 5 km auf der Laufstrecke absolvieren. Diese wurden allerdings dann doch äußerst unangenehm, denn der linke Vorderfuß schwoll beim Laufen wieder an und  bremste mich  deutlich. Als wir dann alle gemeinsam den Zieleinlauf erlebten, waren wir doch zufrieden, die Generalprobe hinter uns gebracht zu haben. Für die folgenden Tage war Reha angesagt. Wir wurden beide getapet, vermieden intensive Belastungen. Und unterstützten den Genesungsprozess durch entzündungshemmende und abschwellungsfördernde Enzyme.  

In dieser Woche gingen mir die letzten Monate durch den Kopf. Die ganze Vorbereitung hatte mir viel abverlangt. Ich musste mich immer darauf einstellen, wann, mit wem und wo ich trainieren konnte. Die Umstände, um trainieren zu können, waren manchmal aufwändiger, als das Training Nutzen für mich beinhaltete. Genau das wollte ich aber vermeiden, habe mich aber dennoch darauf eingelassen. Jetzt wollte ich die Sache auch gut zu Ende bringen, musste mich aber erst mal wieder positiv ausrichten.   

8. Juli – Challenge Roth 

Der Startbereich in Haimpfarrich war noch in Dunkelheit gehüllt, als wir morgens um kurz nach 4 Uhr eintrafen. Marco Küchler, der eine Reportage für eine Lokalzeitung schreiben würde, wartete, wie verabredet,  bei unserem  Renntandem.   

Wir hatten jetzt ausreichend Zeit alles aus journalistischer Sicht zu besprechen und ein paar Fotos zu shooten. Die sensorische Kulisse, die sich mir bot, war sehr beeindruckend. Im Hintergrund konnte ich die verschiedenen Landeshymnen der Herkunftsländer der teilnehmenden  Athleten hören. Um uns  herum waren die unterschiedlichsten Sprachen zu vernehmen und ich lauschte bei einigen Gesprächen: Fachsimpeleien, Tipps, Ratschläge und Erfahrungswerte wurden ausgetauscht. An manchen Bikes wurde noch geschraubt und überall war eines ganz deutlich zu spüren: Der Countdown läuft!  

Trotz der unglücklichen Ereignisse der letzten Wochen war ich sehr gelöst, fühlte mich sicher und wohl. Ich hatte alles eingebracht, was mir möglich war und war zufrieden mit mir und der Unterstützung meiner Teamkollegen. Gewiss, es gibt immer das bisschen mehr, dass getan werden kann. In Anbetracht der Möglichkeiten, Umstände und Trainingsbedingungen, hatten wir jedoch alles ganz gut hinbekommen. 

Ich ließ mich von der Stimmung und Atmosphäre noch schön berieseln, bevor wir in den Neopren schlüpften. Als wir uns am Einstieg zum Kanal aufstellten, kam Bellinda Granger auf mich zu, wünschte mir viel Glück und ein sicheres Rennen. Das war natürlich einer der ganz besonderen Momente an diesem ereignisvollen Tag.  

Beim Schwimmen kann man nichts gewinnen, aber alles verlieren! Dieser Spruch hat sich beim Langdistanztriathlon schon oft bewahrheitet. Das wichtigste ist, sicher wieder aus dem Wasser zu steigen, unverletzt und bereit für die 180 km Radetappe. 

Schwimmen im Kanal ist für mich einfacher und sicherer, als in einem See. Für meinen Schwimmguide ist es im Kanal viel entspannter, mich gezielt zu navigieren und den Überblick auf das weitere Geschehen zu behalten.  

Fünf Minuten vor dem Startschuss waren wir bereits im Wasser. Die Vorbereitungsphase war also definitiv in diesem Moment abgeschlossen, gleich würde es losgehen, die Challenge 2012 kann beginnen!  

Die Spannung hatte ihren Höhepunkt erreicht, die Stimmung kaum zu beschreiben. Man muss es erleben, um es wirklich nachvollziehen zu können. In diesem Moment, in diesen paar Minuten vor dem Dröhnen der Startkanone, empfand ich ein besonderes Gefühl der Dankbarkeit und Glück. Es war ein Gefühl der Zufriedenheit, alles getan zu haben, um diesen Moment, diese Stimmung vor dem Start  zu erleben. 

Wir klatschten uns nochmals ab, wünschten uns gegenseitig ein gutes Rennen  und sicheres Durchkommen...., und dann dröhnte der Startschuss! 

Das ruhig dahinfließende Wasser des Kanals verwandelte sich innerhalb eines Augenblicks in eine tosende brühe! Wir warteten ab, bis sich vor uns eine freie Bahn bot. Ein paar Minuten später hatten wir einen ruhigen Rhythmus gefunden, kamen gut voran. Michael geleitete mich sicher und souverän durch den Kanal. 

Wir schwammen auf der äußeren rechten Seite des Kanals, um den von hinten aufschwimmenden Schwimmern Platz zu gewähren. Die zweite Startgruppe war schon unterwegs und die ersten dieser Gruppe hatten uns fast eingeholt. Nach dem ersten Wendepunkt ging es wieder zurück, unter der Brücke hindurch, am Start wieder vorbei zur zweiten Wende. Wir waren zufrieden, die erste Disziplin war schön geschmeidig gelaufen. 

 

Als wir uns dem Ausstieg näherten durchströmte mich wieder dieses angenehme warme Gefühl. Unsere gegenseitigen Glücksbekundungen gingen in dem Jubel der unzähligen begeisterten Zuschauer unter, aber Worte waren jetzt sowieso überflüssig!   

Matthias empfing uns am Eingang zur Wechselzone und reichte mir gleich eine Trinkflasche. Der Wechsel verlief trotz der allgemein herrschenden Hektik im Wechselzelt ruhig und koordiniert. Michael  reichte mir ein Handtuch, während Matthias mir beim Öffnen des Neopren-Reißverschlusses half. Einige Minuten später war ich aus der Schwimmhaut befreit und  schlüpfte in die  Radschuhe. Dann ging’s raus zum Tandem, Helm aufgesetzt und überprüft, Handschuhe an und wir waren bereit! 

Wir klatschten uns nochmals gegenseitig ab, wünschten uns stets Rückenwind  und dann ging’s richtig los! Die 180 km waren die nächste Hürde, die es zu nehmen galt. Wir waren gut aufeinander abgestimmt, hatten uns im Training auf alle denkbare Situationen vorbereitet.  

Als wir die ersten Kilometer kurbelten liefen mir verschiedene Situationen der Vorbereitungsphase durch den Kopf. Diese Strecke waren wir auch ein paar Mal im Training gefahren und wir beide kannten sie bereits von früheren Teilnahmen. Sie war uns also vertraut und wir wussten, was auf uns zukommt. Das einzig Unberechenbare an diesem Tag war das Wetter. Der wolkenverhangene Himmel und der vom Osten wehende Wind waren so weit willkommen, denn die Wolken boten Schutz vor der sengenden Sonne und der Wind brachte immer wieder eine leichte erfrischende Brise.  

Unser Team wurde bereits vom Start weg von Marco Küchler begleitet. Marco führte Regie und Kamera bei meiner Dokumentation „In der Ferne...“, die wir 2010 während eines 24h-Laufs in der Schweiz gefilmt hatten. Die Produktion wurde von Sascha Winter und proWIN International  gesponsert und 2011 bei einem regionalen Filmfestival als beste Dokumentation ausgezeichnet.  

Jetzt war Marco mit Michael auf dem Motorrad unterwegs, um uns zu interviewen, zu filmen und zu fotografieren. Matthias fuhr sehr umsichtig und wir waren mit unserer Fahrt ganz zufrieden. Die erste Runde verlief relativ ruhig, die Steigungen ließen sich gut bewältigen und bei den Abfahrten nahmen wir hohe Geschwindigkeit auf, die wir möglichst lange zu halten versuchten. 

Während der Fahrt kamen wir immer wieder mit verschiedenen Teilnehmern ins Gespräch. Es waren meist nur kurze, aufmunternde, motivierende Sportlergrüße, jedoch unterstrichen sie den positiven Gesamteindruck bis hierher.  

Am Kalvarienberg kam die erste richtige, langgezogene Steigung, die uns forderte. Hier wurde das Tandem schwer und träge. Wer den Kalvarienberg aber kennt, weiß, dass jedes Rad hier schwer werden kann! Wir waren aber gut aufeinander eingestellt, konnten uns auf die richtige Tretfrequenz und Geschwindigkeit anpassen, um diesen berüchtigten Hügel zu bewältigen. Wow, jetzt kamen Erinnerungen an 2007 auf. Damals war Oliver Zimmermann mein Tandempilot gewesen. Dieser Streckenabschnitt zwischen Kalvarienberg und Hilpoltstein waren mir ganz besonders in Erinnerung geblieben. Hier ging die Party richtig ab! Der Höhepunkt war jedoch der Solarer Berg, den wir bald ansteuerten. Dieser Berg hat’s in sich! Es ist nicht unbedingt die schwerste Steigung, die zu bewältigen ist, bietet aber auf jeden Fall die intensivsten Momente. Enthusiastische und begeisterte Zuschauer feuern jeden Athleten an, der hier fährt! Hier wird jeder abgeklatscht, schultergeklopft und in einer Woge der Begeisterung über den Hügel getrommelt! 

Unbeschreiblich, unvergesslich und sicherlich die intensivsten Momente, die im weltweiten Triathlonzirkus erlebt werden können. 

Und nun radelten wir auf unserem Schauff Renneisen diesem Erlebnis entgegen!  

Als wir auf die zweite Runde einfuhren, verspürte ich erstmals an diesem Tag einen Schmerz im linken Fuß, der langsam anschwoll. Ich löste die Verschlüsse meines linken Schuhs, um den Fuß etwas Freiraum zu bieten. Der Wind hatte mittlerweile seine Richtung geändert und traf uns nun von hinten, bot uns jetzt Rückenwind. Die Aufnahme von Obst, Riegeln oder Getränke an den Verpflegungsstellen klappte bestens. Jetzt war es wichtig, immer wieder zu trinken, trinken und nochmals trinken. Zwischendurch nahm ich eine Banane oder Orange, versorgte mich aber überwiegend mit den High Five-Gels, die wir in  Rahmentaschen am Tandem dabei hatten. Eine Auswahl der Produkte von High Five hatten wir ein paar Wochen zuvor bekommen, wussten also, wie wir sie vertragen.  

Als wir den Kalvarienberg zum zweiten Mal ansteuerten, hatten wir den Wind wieder von vorne, also Gegenwind. Der Schmerz im linken fuß nahm zu und machte mir das Kurbeln unangenehmer. Knapp 60 km lagen noch vor uns auf dem Rad. Unsere erwünschte Zielzeit hatten wir nicht mehr im Fokus. Dies teilten wir Marco mit, als die beiden uns wieder ein paar Minuten nebenher fuhren.  

Wir beschlossen daher am Kränzleinsberg eine kurze Pause einzulegen, damit die beiden rasenden Reporter meine GoPro-Helmkamera am Lenker des Tandems befestigen können. Vor uns wartete der Solarerberg mit der einzigartigen Stimmung, die ich unbedingt festhalten wollte. Für motorisierte Fahrzeuge war der Berg gesperrt, doch die HD-Hero  würde auch gutes Filmmaterial sichern. Bisher konnten alle Beteiligten viele Fotos und bewegte Bilder für mich einfangen, um eine Gesamtdokumentation hinterher zusammenzustellen.  

Jetzt kamen aber meine ersten Zweifel auf, ob ich den Challenge an diesem Tag überhaupt finishen würde. Die Beschwerden im Fuß zogen nun auch auf das Sprunggelenk und Wadenbein über. Dennoch wartete ich noch, bevor ich es aussprach. Vielleicht würde sich der Schmerz wieder legen, die Beschwerden abnehmen und einen unbelasteten Wettkampf erlauben. Na gut, wir hatten noch einige Kilometer vor uns. Mal abwarten, wie es sich entwickelt.  

Der Solarerberg bot wieder Partystimmung pur! Es ist schon unheimlich beeindruckend, was hier abgeht. Es ist wie eine Welle der Begeisterung, auf der man lange surfen kann!! 

Als wir den Solarerberg  hinter uns hatten und Richtung Wechselzone II unterwegs waren, teilte ich Matthias meine Gedanken und Zweifel mit. 

Sicherlich, er konnte mir dabei nicht helfen, jedoch war es für mich wichtig, es ausgesprochen zu haben. Einige Minuten später hatte ich diese zweifelnden Gedanken aber verworfen. Jetzt lag nur noch der 42,195 km langer Weg vor mir und jetzt wollte ich es auch durchziehen. 

In der Wechselzone war reger Betrieb als wir eintrafen. Michael und Marco waren bereits vor uns eingetroffen, warteten mit Günther Donath auf uns. Günther und ich waren schon einige Marathons zusammen gelaufen, auch 2007 bei der Challenge. Er war für diese Situation genau der richtige Begleiter, konnte sich gut auf mich einstellen. Ich klärte ihn über die Situation auf, wollte aber auch das Sanitäterzelt aufsuchen. Hier ließ ich mir den Vorderfuß tapen, die Zehe fixieren und öffnete meine Laufschuhe weit, um den Vorderfuß möglichst viel Freiraum zu lassen. 

Danach zogen wir los zu einem langen, sehr langen Abendspaziergang am Kanal.  

Laufen war anfangs noch möglich, jedoch wurde es beschwerlicher, als wir die asphaltierte Strecke verließen und auf Naturboden liefen. Nach einigen Kilometern musste ich bereits gehen, den Fuß entlasten, konnte dann wieder ein oder zwei Kilometer laufen, musste dann wieder zur Entlastung gehen, 

Günther ging auf diesen unregelmäßigen Rhythmus ein, Wir nutzten die Zeit für alle möglichen Gesprächsthemen. So füllten wir diesen langen weg aus und blieben in Bewegung. Als wir den äußersten Wendepunkt am Kanal erreicht hatten, lagen zwar noch knapp 15 km vor uns, aber das schien nur noch ein Katzensprung zu sein. Jetzt kam Freude auf, denn wir waren auf dem Heimweg! Freunde, die an einer der Kanalschleusen gewartet hatten, kamen uns am Kanal entgegen, feuerten uns an, reichten uns Trinkflaschen und ließen die Flamme der Motivation wieder entfachen! Danke Manuel, Paul, Matthias, ihr wart super!  

Die letzten km in der Rother Innenstadt waren dann doch noch die  beschwerlichsten und längsten.  Der Jubel, der jeden Athleten  in der Finishzone empfing war für uns schon deutlich zu hören, als wir abends um 21 Uhr an der Fanmeile in Roth liefen. 

Dieser Empfang würde auch uns in ein paar Minuten erwarten, wir hatten es fast geschafft! 

Alle Belastungen, alle Schwierigkeiten und Erschwernisse hatten sich gelohnt. 

Auch wenn die  ursprünglich angestrebte Zeit verfehlt wurde, war das eigentliche, das wertvolle Ziel erreicht: Das Team lief gemeinsam die letzten paar hundert Meter beim Challenge Roth 2012.  

Dieser Moment, diese paar Sekunden waren Balsam für die Wunde in meiner Seele. Die erlebte Enttäuschung beim Desert Dash knapp sieben Monate zuvor hatte eine offene Wunde hinterlassen. Dieser Moment aber, diese paar Sekunden vor dem Zielbogen an der Finishline in Roth ließen die Wunde verschließen....   

Im Zielbereich hinter der Finishline warteten bereits einige Freunde auf uns. Begrüßt und beglückwünscht wurde jeder Athlet von Kathrin Walchshöfer  und dem Sieger James Cunnama. Dies war eine schöne Geste, die sicherlich jeden Athleten erfreute. 

Ich bedankte mich bei jedem meiner Teamkollegen und Trainingspartner, die mich während der letzten fünf Monate unterstützt hatten: Matthias Reitenspieß, Michael Dotzauer, Günther Donath, Manuel Bärwald, Matthias Huber, Marco Küchler  und meiner Freundin Ingrid. Sie hatten alle mit mir darauf hingearbeitet, um diesen Moment zu erleben und jetzt war es geschafft.

 

Die große Überraschung gab es am Tag danach

Nach der Ehrung der Handicap Athleten durch die Challenge Organisation wurden die Handicapped für die Leistung in ihrer jeweiligen Wertungsklasse geehrt. 

Für mich und einem Handbiker gab es jeweils die Goldmedaille für den 1. Platz in unserer jeweiligen Wertung! 

Und damit war mir der Sprung von der Wüste in Namibia zum Kanal in Roth geglückt! 

Der Challenge Roth 2012 war Geschichte, die Erinnerungen aber haben sich in mir verewigt. Sicherlich, der Moment, als wir die Ziellinie überquerten war das Highlight, aber der Weg dorthin brachten wichtige, effektive, Erfahrungswerte. Diese Erfahrungswerte festigen die Basis in meinem Handeln. Mental war dies eine Bereicherung, körperlich eine Anforderung und seelisch eine Wiedergutmachung. Insgesamt also ein schöner, wertvoller Erfolg.  

Vier Wochen später waren wir schon wieder im Kanal! 

Diesmal aber am Start bei einem Triathlon über die olympische Distanz: dem Erlangertriathlon. Hier hatte ich schon viermal teilgenommen, zuletzt 2010. 

Die Strecken waren mir also bestens bekannt. In den vergangenen vier Wochen seit der Challenge hatte ich mein Trainingspensumdeutlich  heruntergeschraubt, war regelmäßig Schwimmen und Radeln, jedoch weniger gelaufen.  

Bei diesem Triathlon ging es uns darum, einen schönen Abschluss zu finden. Zudem hatte Lorenz Wried von meinem Partner www.lolafe.de eine Spende von 500 Euro für die Kinderkrebshilfe zugesagt. Dies motivierte uns zusätzlich, gab uns schon vor dem Start richtig schön Rückenwind.  

Michael würde bei diesem Triathlon zweimal im Einsatz sein: als Schwimmguide und als Laufpartner. Günther konnte hier nicht dabei sein, doch dies sollte kein Problem für Michael darstellen. Der Kanal hatte sich in den vergangenen Tagen ziemlich aufgeheizt, so dass die Rennleitung Neoprens verbieten musste. 

Im Training war ich schon häufig längere Distanzen geschwommen, allerdings  nur im Hallenbad. Auf offener Strecke war ich jedoch noch nie so weit ohne Neo unterwegs gewesen. Jetzt stand ich vor einer völlig neuen Erfahrung und konnte dadurch etwas mehr innere Spannung vor dem Start aufbauen.  

Fünf Minuten vor dem Start waren wir im Kanal, schwammen uns locker ein. Wie immer würden wir nach dem Start abwarten, bis alle Starter unterwegs waren. Danach würde das Rennen für uns beginnen.  

Der Contdown wurde heruntergezählt und dann ging es ab! 

Nachdem alle unterwegs waren zogen wir los. Wir kamen gut voran, konnten sogar einige überholen. Als wir die Wende erreicht hatten, gab mir Michael die Zwischenzeit durch: 18 Minuten, genau mein Zeitplan! 

Ohne Neopren war ich auf dieser Kurzdistanz schneller unterwegs, als mit der Schwimmhaut. Michael’s Zeitangabe als wir aus dem Kanal waren: 34:45 Minuten, meine persönliche Bestzeit!  

Der Wechsel verlief relativ schnell und umstandslos. Matthias wartete bereits am Tandem, reichte mir Helm, Brille und Handschuhe, und dann ging’s auch hier ab! 

Wir fanden schnell zu einer angenehmen Tretfrequenz, konnten richtig schön Tempo machen und dies auch halten. Die Strecke war angenehm, hatte nur ein paar unwesentliche Steigungen und bot lange Geraden, auf denen wir richtig flott unterwegs waren.  

Die Zeitangaben pushten uns zusätzlich, wir steuerten auch hier eine persönliche Bestzeit an. 1:00, 40 h zeigte Matthias Uhr an, als wir im Radpark wieder angekommen waren. 5 Minuten schneller als vor zwei Jahren, super!  

Meine persönliche Gesamtbestzeit lag bei 2:47 h. Für einen kurzen Augenblick schien dieses Ergebnis auch an diesem Tag erreichbar. Diesen Gedanken ließ ich allerdings schnell wieder fallen, um mir die Freude an dem bereits erlebten nicht zu vermiesen. 

Auf den ersten Kilometern der Laufstrecke gab es natürlich einiges zu erzählen. Auch Michael war von den beiden Zwischenergebnissen begeistert. Sieben Jahre zuvor waren wir das erste mal hier gemeinsam gestartet. Michael hatte den Impuls damals gesetzt, als er mir vom Triathlon erzählte, damals in der Praxis, als er als Patient bei mir zur Massage war. 

Jetzt hatten wir einmal die Sprinterdistanz, viermal die olympische Distanz, einmal die Mitteldistanz und zweimal die Langdistanz gemeinsam erlebt – danke Michael!  

Mein Ergebnis lag sechs Minuten über meine Bestzeit, aber das Gesamtergebnis des Teams war für uns alle äußerst erfreulich.  

Damit waren die drei Triathlons, die ich in diesem Jahr erleben wollte, erfolgreich verlaufen. Alle Erlebnisse, Trainingssituationen und Wettkämpfe brachten wertvolle Erkenntnisse und wichtige Erfahrungswerte für die Zukunft. 

In den Wochen danach fühlte ich mich ziemlich ausgebrannt. Es dauerte nochmals vier Wochen, bevor ich wieder an einer Veranstaltung teilnehmen wollte. Die Zeit dazwischen war geprägt von Kopfkino, in dem alle Erlebnisse immer wieder abliefen. Es war die Zeit der Analyse und des Erkennen. 

Aber in erster Linie wollte ich einfach „runterkommen“, mich wieder erden und einen Abschluss zum Erlebten finden, auch mental.  

Es fiel mir in dieser Zeit unheimlich schwer, das Erlebte zu schreiben. Ich fand zwar immer wieder einen Einstieg, doch alles Erlebte, alles Emotionale war immer deutlich präsent. Es waren zu viele Eindrücke, die ich anfangs nicht richtig einsortieren und wiedergeben konnte.  

Auch nachdem dieser Bericht fertig ist, scheint es so viel zu geben, was erzählt werden sollte, in dem  Bericht sein müsste.... 

 

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