Meine Geschichte – ein Lebens-Lauf

Portrait Jeffrey

Jeffrey Taylor Norris – ein außergewöhnlicher Sportler stellt sich vor

Woher ich komme
Als Sohn eines amerikanischen Vaters und einer deutschen Mutter kam ich 1970, im Alter von 10 Jahren, nach Deutschland und besuchte zunächst in Nürnberg die Grund- und Hauptschule. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann sowie diversen beruflichen Stationen im In- und Ausland führte ein tragischer Unglücksfall im Jahre 1985 zu meiner Erblindung.
 
Zwischenstation
Dieses einschneidende Ereignis veränderte mein Leben komplett. Ich musste mich neu orientieren, viele alltägliche Dinge neu lernen, vor allem aber auch lernen, mit dieser neuen Situation zu leben. Nach einer blindentechnischen Umschulung ließ ich mich zum Masseur ausbilden und ging diesem Beruf in verschiedenen  Kurbetrieben nach.
 
Erneute gesundheitliche Komplikationen führten zu einem Kuraufenthalt im Jahr 1992. Dort bekam ich erstmals die Möglichkeit an einer Laufveranstaltung teilzunehmen und lernte, nur über eine Kordel verbunden, mit einem sehenden Läufer zu joggen. Ich war derart begeistert, auf diese Weise am sportlichen Leben teilhaben zu können, dass ich fortan trainierte so oft es mir möglich war.        
1993 lief ich meinen ersten Marathon in Berlin, an den sich weitere in  verschiedenen Städten anschlossen. Berufliche und gesundheitliche Gründe schränkten meine Aktivität zwischen 1996 und 2002 stark ein.
2004 beendete ich meinen ersten 6-Stunden-Lauf. Parallel wandte ich mich dem Triathlon zu und konnte 2007 meinen ersten Ironman erfolgreich absolvieren.
 
Der Weg zu weiteren Ultraläufen führte mich 2008 zum ersten 24-Stunden Lauf und 2009 zu einem neuen Weltrekord beim 6-Tage-Lauf in Göteborg. Weitere Highlights für mich waren 2009 der New York Marathon und der 8-Tage-Lauf in Monaco, bei dem ich mit 445 Kilometern erneut eine Bestmarke erzielen konnte. Die persönliche Ehrung bei diesem Event durch Fürst Albert von Monaco war der krönende Abschluss eines sehr interessanten Sportjahres.
 
2010 lief ich einige Marathons mit Joey Kelly. Für ihn war die Rolle als Guide eine ganz neue Erfahrung, die ihn nachhaltig beeindruckte.
Im September 2010 erzielte ich bei einem 24h-Lauf eine neue Bestmarke für Blindrunners. Es gelang mir mit 155, 9 km beim 24h-Brugg/Schweiz, den 1994 aufgestellten Rekord nachhaltig zu verbessern. Weitere Bestmarken über 72h, sechs Tage und acht Tage, konnte ich beim No-Finish-Line, einem Acht-Tage-Lauf in Monaco erzielen. Das für mich positive Jahr schloss ich mit dem Sieg in der Tandemkategorie bei einem außergewöhnlichen MTB-Wüstenrennen in Namibia ab. Hier fuhr ich mit Hubert Schwarz als Pilot bei dem berühmt, berüchtigten 24h-Desert Dash, das als härtestes und längstes Mountainbike-Rennen gilt. Neben dem Sieg in der Wertung für Tandems war es für mich eine große Ehre, bei diesem legendären Event mit dem alljährlich verliehenen Ehrenpreis für besondere Leistung und Mut ausgezeichnet zu werden.
 
2011 konnte ich meine Erfahrungen bei abenteuerlichen Aktionen mit dem Erlebnis beim Yukon-Arctic-Ultra in Kanada erweitern. Zum Abschluss des Jahres fuhr ich mit dem Tandem wieder beim 24h-Desert-Dash in Namibia.
 
2012 nahm ich erfolgreich an der Brave-Heart-Battle teil, die als härtester Extremlauf Deutschlands bezeichnet wird. Weitere Höhepunkte 2012 waren drei Triathlons, an denen ich erfolgreich teilnahm. Die Verleihung der Goldmedaille bei der ETU Langdistanztriathlon Europameisterschaft für den Gewinn im meiner Wertungsklasse war dabei ein besonderes Erlebnis.
Zum Saisonabschluss lief ich in Monaco beim 24hCharitylauf im Rahmen des No-Finish-Line, Monaco, wo ich bereits zweimal beim Achttagelauf erfolgreich gewesen bin. Die Begegnung mit der Fürstin war hierbei ein besonderer Moment und schöner Abschluss einer langen Saison.
 
Wohin ich will
Meine Ziele für die kommenden Jahre sind neue Grenzerfahrungen und Teilnahmen bei außergewöhnlichen Sportevents und abenteuerliche Aktionen.
So stehen demnächst einige Kletteraktionen mit Thomas Huber an und meine ersten Taucherfahrungen werde ich auch für ein Abenteuer "unter Wasser" weiterführen.
 
Die Blindheit zählt im allgemeinen Sprachgebrauch zwar als Behinderung und laut meinem Ausweis bin ich zu 100 % schwerbehindert. Ich allerdings sehe mich durch die Blindheit vielmehr als „physically challenged“ – ich versuche also hieraus zusätzliche Stärke und Energie zu ziehen. Meine Lebensumstände lassen mir den nötigen Freiraum geistig und mental flexibel zu bleiben, und nicht in eine fremdbestimmte Schublade eines anderen zu geraten. Ich selbst hätte nur einen Bruchteil meiner Ziele bisher erreicht, wenn ich mich auf meiner vermeintlichen Behinderung ausruhen würde
 
Dies will ich auch verstärkt in Interaktionen vermitteln, die auf Schulen, Ausbildungsstätten und Firmen zugeschnitten sind. Eine vermeintliche Schwäche kann sich schnell als ganz besondere Stärke herausstellen. In jedem von uns schlummert ein hohes Maß an Eigenpotential, das jedoch zu selten genutzt wird. In meinen Vorträgen kann ich den Menschen aufzeigen, wie ich den Weg zu mir selbst meistern konnte, mich motivieren und Grenzen und Barrieren überwinden lernte. Wenn wir nur fremdbestimmt agieren, verschenken wir jede Menge Potential.
 
Trotz der starken Einschränkung als Blinder bin ich glücklich, an derart großartigen und außergewöhnlichen Events teilnehmen zu können. Ich möchte damit nicht nur andere Menschen ermutigen sich sportliche Ziele zu setzen, sondern auch Motivation für die Herausforderungen des täglichen Lebens initiieren. Außerdem liegt es mir am Herzen, Barrieren und Hemmschwellen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten abzubauen.
 
 
Jeffrey Norris

 

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