Die Herausforderung am Yukon

Die legendäre Yukon-Arctic-Challenge in White Horse (Kanada)

Am Start zum legendären Yukon-Arctic-Challenge stehen knapp 70 Athleten: Skilangläufer, Mountainbiker und Läufer in der Vormittagssonne auf dem zugefrorenen Yukon River. Es gibt zwar unterschiedliche Disziplinen und Distanzen, aber alle haben ein gemeinsames Ziel: ankommen...

Noch bin ich in freudiger Erwartung dessen, was uns bevor steht. Um 10:15 Uhr stehen mein Guide Peter, sein Freund Wilbert und ich im Startbereich, umgeben von den 100-Meilen-Läufern mit ihren Pulkas, ein paar Skiläufern und den anderen Marathonis. Es herrscht, wie immer vor einem Start, ausgelassene Stimmung. Jeder wünscht dem anderen Glück, gutes Ankommen und einen schönen Lauf. Ein paar Minuten vor dem Start hält der Veranstalter noch eine kurze Ansprache, der Countdown wird gemeinsam herunter gezählt und dann geht’s los! Nach dem Erlebnis beim Desert Dash in der Wüste, soll dies nun meine zweite Erfahrung und Begegnung mit außergewöhnlichen Natur- und Wetterbedingungen. 

Auf den ersten Kilometer müssen wir des öfteren den Läufern mit Pulkas ausweichen, oder sie vorbei lassen, kommen aber trotzdem gut  von Start weg. Die Sonne scheint, es herrscht Windstille und die Temperatur liegt bei ca. -17°C. So extrem, wie mir im Vorfeld berichtet wurde, sind diese Bedingungen nicht, jedoch sind sie für mich trotzdem sehr außergewöhnlich. Die trockene Kälte war erträglich, so lange man in Bewegung blie. Auch das einatmen der eisigen Luft war nicht so, wie es einige Läufer voraus vermutet und befürchtet hatten. Sehr ungewöhnlich und teilweise schwierig war jedoch die Strecke und das Profil, dass sich uns bot. Die ersten km waren deutlich von den Kufen der Pulkas, aber auch von den Schlitten des Yukon-Quest, dem legendären Hundeschlittenrennen, das am Tag zuvor gestartet war, gespurt. Hier fanden   wir breite Spuren, in denen wir relativ festen Stand hatten. 

Zu den Bedingungen der Natur kommt noch die erste Erfahrung mit Peter, meinem Guide. Wir waren zwei Tage zuvor schon auf dem Yukon zu einem ersten gemeinsamen Lauf gewesen, allerdings wurde es mehr zu einem Fotoshoot mit Peter’s Freund Wilbert, als zu einer Trainingseinheit. So mussten wir uns aufeinander einstellen, so gut es eben ging, um die bevorstehenden Stunden zu meistern. Die anfangs noch breite Spuren, auf denen wir relativ festen Untergrund fanden, wurden mit jedem Km, den wir weiterkamen, schmäler.Es wurde mit der Zeit ein Nervenspiel, die Spur zu halten. Zeitweise versuchte ich hinter Peter zu laufen, um sicheren Boden unter den Füßen zu behalten. Dies wurde
zeitweise sehr anstrengend und meine innere Anspannung nahm zu. Das knatternde, klirrende Geräusch, das unsere Schritte oftmals untermalte, klang mitunter sehr merkwürdig, manchmal bedrohlich, so dass ich mich weiter abbremste. Peter wäre sicherlich viel flotter unterwegs gewesen, bremste sich aber dann immer wieder aus Rücksicht ab. So blieben mir außer einer Stauchung im Mittelfuß und einer leichten Zerrung im Oberschenkel, ernsthafte Verletzungen erspart.. Auch für Peter wurde es zu einem Geduldspiel. Für ihn war es nicht einfach, sich auf seinen Weg zu konzentrieren und gleichzeitig ein Auge auf mich zu werfen. Die Sicherheit, die mir ein vertrauter Guide in dieser Situation auch ohne Worte vermittelt hätte, konnte er auf Grund der aussergewöhnlichen Bedingungen und seiner unerfahrenheit als Guide nicht vermitteln. Peter war aber stets bemüht, versuchte sich möglichst Schnell auf die gegebenen Bedingungen ein zu stellen, mich sicher zu führen.  

Als der Schlauch meines Trinkpacks auch noch zufror, teilte Peter sein Getränk mit mir – eine sehr großzügige, nicht unbedingt selbstver-ständliche Handlung, die ich zu würdigen weiß.  

Der Yukon forderte mich heraus. Ich musste immer wieder Gehpausen einlegen, bremste Peter dadurch stark ab. Das Profil der Strecke wurde für mich sehr riskant, ich fand zeitweise keinen festen Stand, wurde unsicher und verspannte immer mehr. 
Ich wollte nach Hause, hatte Heimweh, fühlte mich verloren, fremd und deplaziert. 
In dieser Phase, so etwa bei km 25, habe ich mir vorgenommen, dem Yukon wieder zu begegnen, allerdings unter anderen Bedingungen. Ich möchte dieses Event, wie geplant als Herausforderung, nicht als Kampf erleben. Diese herrliche Region um den Yukon blieb mir weitgehend vorenthalten. Ich wollte sie so gerne genießen, sie empfinden und spüren.  

Peter gab sich Mühe, mir  einiges von der Umgebung zu beschreiben, so dass ich doch einige Impressionen aufnehmen und sie in Gedanken mit meinem Bruder teilen konnte.. Er hätte mir bestimmt wieder mehr von dieser Gegend erzählen können, als ich hier erlebte. 

Als wir nach über fünfeinhalb Stunden die Zielhütte erreicht hatten, lag nur noch eine kleine 5-km-Bergschleife vor uns. Nachdem wir uns in der Hütte aufgewärmt und warme Getränke zu uns genommen hatten, gingen wir auf die letzte Etappe. Nur noch den Berg hoch und wieder runter, das Ziel war in greifbarer Nähe. Auf dem Weg hinauf kam uns Wilhelm entgegen. Auch er war doch länger unterwegs, als er es wahrscheinlich sonst bei einem Marathon ist. 
Jetzt bekamen wir auch festen Boden unter den Füßen, wir liefen auf einer Asphaltstraße, die zwar mit festgefrorenem Schnee bedeckt war, jedoch eine griffige, ebene Lauffläche bot.
Als wir den Wendepunkt erreicht hatten, stellte sich bei mir sogar ein Gefühl der Freude ein, gleich hatten wir ‚s geschafft. Nach 6:24h liefen wir ins Ziel, der Yukon gab uns wieder frei... 

Meinem Guide Peter Uekötter bin ich sehr dankbar, dass er dieses Erlebnis mit mir geteilt hat. Trotz seiner Unerfahrenheit als Guide hat er mich so sicher geführt, wie es für ihn möglich war. Dank seiner Unterstützung konnte ich den Yukon auf diese Art kennen lernen, weiß was mich nächstes Jahr erwarten würde...

 

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